oikos und grundeinkommen. Ansprüche an Transformation und Emanzipation
Der Beitrag von Ronald Blaschke, veröffentlicht in: Kurt Biedenkopf, Ralf Dahrendorf, Erich Fromm, Maik Hosang (Hrsg.), Petra Kelly u. a.: Klimawandel und Grundeinkommen. Die nicht zufällige Gleichzeitigkeit beider Themen und ein sozialökologisches Experiment. München 2008, S. 105 – 118.
Zuerst soll an den Zusammenhang von Ökologie (Beziehung zwischen Organismus und natürlicher/sozialer Umwelt), Ökumene (Menschengemeinschaft) und Ökonomie (Haushalt) erinnert werden. Den Begriffen zugrunde liegt das griechische Wort oikos, das Haus.
Als Haushalt galt in der Antike der kleine, familial-private Haushalt. Im Verlaufe der Geschichte entwickelten sich regionale, nationale und globale Haushalte – teils in privater, teils in staatlicher Hand. Bürgerlich-kapitalistische und patriarchale Wirtschaftslehren (Neoklassik, Keynesianismus) erfassen nur diese. Diese Wirtschaftslehren sind unfähig, die komplexen Beziehungen des oikos, des ganzen Hauses, in seiner ökologischen, ökumenischen und ökonomischen Dimension zu betrachten. Sie reduzieren den oikos auf das, was sich in der kapitalistisch geprägten Erwerbs- und Finanzwelt abspielt. Solche reduktionistischen Theorien sind Ausdruck der realen Heraus-lösung der Wirtschaft und der Arbeit aus ihrem natürlichen und sozialen Zusammenhang, aus dem oikos. Dieser Zusammenhang als auch (Spät-)Folgen vermeintlich produktiv-ökonomischen Tuns werden ausgeblendet: Nur das, was sich im geldvermittelten Arbeits- bzw. Kapitalbereich ereignet und erfassen lässt, wird als sinnvoll erachtet – weil es “ökonomisch” sei, Arbeitsplätze, Konsumgüter und markt-förmige Dienstleistungen zu schaffen, Profit zu machen, Rendite zu realisieren. Die staatliche Politik, die ganze Gesellschaft wird für diese reduktionistische “Ökonomie” in die Pflicht genommen. Sei es, um Rahmenbedingungen der Renditewirtschaft zu schaffen oder um die Ökumene in einen Beschäftigungsstaat zu verwandeln. Ansprüche an eine Transformation – demokratisch, sozial und ökologisch.
Der kapitalistische Beschäftigungsstaat hat eine ökologisch und sozial fatale Logik: “‘Arbeitsplätze schaffen’ – das ist oft Vorwand, die geschichtliche Entwicklung zurückzudrehen. Es ist der Vorwand für Bundespolitiker, um die Industrialisierungsgewinne steuerlich zu entlasten, es ist der Vorwand für Landespolitiker, den Energie-konzernen zu helfen, veraltete, ‘fossile’ Energiekonzepte durchzusetzen, und es ist der Vorwand für Kommunalpolitiker, mit Steuermitteln den Investoren dabei zu helfen, mit riesigen Einkaufs- und Enter-tainmentcentern auf der grünen Wiese der Bevölkerung das wenige nochverbleibende Geld aus der Tasche zu ziehen.”1 Der o. g. reduktionistischen “ökonomischen” Denkweise entspricht es auch, dass beim zurückliegenden Airbus-Arbeitsplatzkampf in Deutschland das Flugzeug als Klimakiller Nr. 1 und Airbus als Rüstungsproduzent keine Themen waren. Vor zwanzig Jahren gab es bei den IG Metallern wenigstens noch eine heftige Debatte über ihre Rüstungs- / Kriegs-produktion. Heute verhindert die nackte Existenzangst der Lohnabhängigen derartige Diskussionen. “Arbeitsplätze sichern” ist die individuell verständliche, aber katastrophale Devise des Beschäftigungsstaates. Mit der reduktionistischen “ökonomischen” Denkweise lässt sich auch der ungeheuerliche Verschleiß natürlicher und menschlicher Ressourcen erklären, der durch die “ökonomisch sinnvolle” Verkürzung der Lebens- und Attraktivitätsdauer von Konsumgütern und Moden entsteht: “Alle unsere Produkte sind verfälscht, um ihren Absatz zu erleichtern und ihre Existenzdauer zu verkürzen.”2 Damit erklärte auch schon Paul Lafargue, der Schwiegersohn von Karl Marx, das Phänomen der ökonomisch ausbeutbaren “Arbeitssucht” der Lohnabhängigen: Arbeiten um zu konsumieren um zu arbeiten usw. usf. Das ist die “ökonomisch sinnvolle” Maxime des Kapitals als Herrschaftsverhältnis. Es geht dabei letztlich um Herrschaft über Menschen und deren Bedürfnisse sowie über die Natur. Weiter als PDF oikos-und-grundeinkommen.

